Wem juckt das Fell?

Dass man schon früh erwachte, weil es wieder mal an den Unterarmen juckte; und wenn ich schreibe: jucken, dann meine ich so richtig jucken, dass man sich die Haut blutig kratzt. Dass man dann besser aufsteht und sich in die Klamotten stopft, um den Gang mit der Glocke um den Hals zu vollziehen. Und kaum gedacht und vor der Tür noch ausgesprochen, bimmelt es um mich herum und ich treffe wieder einiges Volk. Dass man mit vielen nicht so viel zu reden hat; das übliche Small Talking… gestern noch der reiche Herr aus dem Süden der hier sein Feriendomizil hat; früher reiste er um die Welt und erledigte Einkäufe, mit Chaffeur. Heute macht er in den Ferien Musik am Schlagzeug und lädt öfters zu einer Session ein, die ich gern mit gestalte. Dass sich aber ansonsten nicht viel Gemeinsamkeit heraus tat. Dass am Tisch vor einigen Monaten mal darüber lamentiert wurde, was man alles beim Finanzamt angibt oder angeben muss. Wo ich mich später fragte, wie es kommt, dass Rentner eine Einkommenssteuererklärung einreichen müssen, doch nur, wenn sie zu viel des Guten haben.
Dass man sich dann beruhigte und das Jucken nachließ. Jetzt hier beim Schreiben erneute Symptome. Dass man sich ständig fragt, was das ist, dass einem so das Fell juckt? Ernährung? Alkohol? Dieses Ding in einem? Laktose Intoleranz? Dass es begann nach dem großen Fall. Dass man diese Medikamente einwarf und dann nicht mehr ein noch aus wusste, weil die Unterarme juckten, dass man verrückt werden wollte. Man beobachtet das und tut wenig dagegen. Ernährung umstellen? Wozu? Alkohol einschränken? Wozu? Am Ende bleibt nur eine Frage übrig: Wozu? Dass man tatsächlich mit all seinen Weisheiten, die übrigens niemals Weisheiten waren, am Ende ist. Es ist nichts, was uns aus unserer Lethargie holt. Dass man Tag für Tag nun „rumfummelt“, mehr auch nicht. Hier und da so ein bißchen fummeln. Dass man das Zimmer ständig aufräumt. Dass man die Dinge umstellt. Dass man ständig am Computer sitzt und sich fragt, wozu man nun all diesen ganzen Kram angeschafft hat, der einen so schön kreativ werden lässt? Wozu? Die Musiksoftware? All die Instrumente? Die ganzen Zeichenutensilien? Wozu? Noch vor Weihnachten 2020 kaufte man sich ein Laptop, weil das alte zu alt war und man keine neue Software mehr nutzen konnte. Wozu? Mittlerweile hat man alles installiert, auch mal ausprobiert, sogar die neuste Version von Logic Pro… da ist nichts, was einen das alte Musikerherz erweichen lässt… wozu auch? Gestern diesen Opernsängern im Fernsehen gesehen; dass er im Getränkehandel arbeitet, um die Miete zahlen zu können. Dass man sich fragt, was man tatsächlich jetzt tun kann? Soll man auf die Straße gehen? Soll man sich verweigern? Was, wenn dieser Lockdown verlängert wird, und das wird er, was hat dieses arbeitssame Menschenvolk noch, wenn es nur daheim sitzt, aus Angst vor einem Virus?
Was kann man tun? Was soll man, muss man tun? Soll man diese ganzen Maßnahmen einfach so hinnehmen? Dass es einem mittlerweile vorkommt wie ein Test, wie weit die Politik oder wer immer das entschieden hat, gehen kann. Und es geht immer weiter und weiter. Und es werden immer mehr Geschichten erzählt und Zahlen und Diagramme gezeigt und Geschichten erzählt und irgendwann ist es einfach zu spät und man hat das gesamte arbeitssame Volk ihres matierellen Überflusses beraubt.

Dass man „Bio“ einkauft. Dass man Rücksicht nimmt auf andere Menschen und Tiere. Dass man sich „vegan“ ernährt, auch um bestimmte Branchen nicht zu unterstützen. Massentierhaltung. Dass man sich mittlerweile auch „vegan“ kleidet. Schuhe nicht aus Leder. Alles ist bio und vegan, weil man Rücksicht nimmt, weil man mit empfindet. Doch das alles macht einen nicht zu einem guten Menschen. Dass man sich wieder und wieder fragt, wie man ist. Wie bin ich? Und warum sehe ich immer die negativen Anlagen bei dem Gegenüber, aber nie bei mir selbst? Warum kann die Person schreien und toben und dann eine Erklärung dazu abgeben, die sie der Verantwortung darum entzieht? In was für einer Welt leben wir?

Hin und her

Dass man noch im letzten Sommer auf einem guten Weg war. Die Kurse fanden statt, man war einigermaßen fit, im Kopf und Körper; und man wurde finanziell unterstützt. Dass es keinerlei Grund gab sich aufzugeben oder gar fallen zu lassen. Und wohin auch? Dass es in dieser Situation, wie auch in allen weiteren oder anderen, immer nur eine Richtung gab: hin zur Vervollkommnung. Was immer das sein soll? Dass man dann urplötzlich aus einer dunklen Phase heraus, in der man sich und seine Taten in Frage stellte, hinabsank und bis heute eigentlich nicht wieder auftauchte. Dass man das Thema Alkohol schon immer völlig herabspielte, als hätte es keine Relevanz im Leben. Dass man schon früh trainiert wurde, auch von den eigenen Eltern. Dass es diese vielen Augenblicke gab, wo sie beide betrunken durch die Wohnung torkelten. Dass sie am Sonntag Vormittag nie gestört werden durften, weil der Kater vom Vorabendsaufen riesig war. Dass man auch in der Wohngegend schlechten Umgang hatte und alles ausprobierte, was es an Rauschmitteln zu bekommen gab – bis hin zu Pattex schnüffeln. Und dass man in der Ausbildung vom Ausbilder praktisch täglich animiert wurde zum Trinken. Dass es sich immer weiter zog und weiter zog, bis hin zur Überwindung der Schüchternheit und dass man mit den Frauen immer gleich trank, um sich der Schranken zu entledigen. Selbst später noch mit der Person. Dass es bestimmte Zeiträume für Gemeinsamkeit gab und diese immer eigentlich mit Alkohol trinken begannen bis… usw. Dass man noch später, schon hier im Dorf beim Kennenlernen, immer mit Trinken beschäftigt war. Dass es immer einen Grund gab für einen Schluck. Dass man Menschen kennenlernte und sich allabendlich traf, um sich auszutauschen und reichlich zu betrinken. Dass es die letzten Jahre eigentlich nur noch im Rausch auszuhalten war – das Hier.
Und nach all den seltsamen Ereignissen um ein Virus hat sich der gute Freund Alkohol richtig breitgemacht in den eigenen vier Wänden. Dass man sich da einen Freund ins Haus geholt hat, den man kaum wieder los wird. Als wollte man jemanden einen Gefallen tun und ließe ihn für einige Zeit bei sich wohnen und auch hausen, aber der will nicht wieder gehen. Dass man ihn nicht mehr aus dem Haus bekommt. Und dass sich mittlerweile der ganze Tagesablauf dananch richtet, wie man diesem Freund aus dem Wege gehen kann…
Dass man es immer unterschätzte, das Trinken. Dass es seit letztem Jahr Weihnachten unaufhörlich ploppte und die Flasche zum Essen bereit stand. Nach dem Essen einen kleinen Verdauungsschnaps, noch einen und noch einen – und dann hatte man beinahe die halbe Flasche mit hochprozentigem Zeugs intus und fragte sich, warum man immer träger wurde. Dass man dann am nächsten Morgen kaum hoch kam und sich nach und nach an den Vorabend erinnerte. Dann die Schwüre und dass man heute Abend absagt und dass man ja mal aufhören muss. Und wie soll denn das überhaupt werden, wenn man wieder in einen normalen Arbeitsmodus hinein soll? Dass man doch völlig ausgelaugt ist und sich von Tag zu Tag säuft…

Knatterkalt. Ich vollkommen schlotternd gegen den Ostwind angehalten und die ganzen fünf Kilometer durch gelatscht. Gestern noch die andere Seite gewählt, weil dort die Straßen und Wege gestreut waren und somit leichter zu gehen. Heute blauer Himmel und gute Aussichten auf einen guten Tag, wenn man ihn nicht wieder vergeudet, wie all die anderen Tage. Dass man Musik einspielte zu diesem einstündigen Naturfilm. Und gestern beim erneuten Anhören und einigen leichten Veränderungen plötzlich die „Original-Datei“ löschte. Zunächst perplexes Verhalten. So was mir, der seit 30 Jahren mit Computern arbeitet. Dass man den allerersten Macintosh Apple besaß und jetzt noch einige alte Geräte zum Andenken rumstehen hat… und dann so was. Also Wiederherstellungsoftware ran und durchsucht. Nichts. Dass man nie ein Backup macht. Sämtliche Daten sind ausgelagert auf externen Festplatten, dass man da ja nie aus Versehen… und so… na ja… Heute also erneutes Einspielen. Dass man sich Töne, Stimmung und Akkorde aus dem Gedächtnis aufschrieb und dann gibt es ja auch die gerenderte Version als Film… egal. Dass es Aussetzer sind. Und diese Aussetzer liegen nicht am Alter. Dass man sich in einen Käfig gesperrt hat und kaum noch heraus traut. Dass man es weiß und wenn man es weiß und wenn man die Auswirkungen kennt, dann kann man es doch auch abstellen, oder nicht? Dass man dann beobachtet und nach Suchterscheinungen schaut. Dass man sich mal zusammen reißen muss. Dass es ansonsten schnell abwärts geht, abwärts, abwärts… aber es gibt auch immer herrlich gute Ausreden, sich nicht zu ändern. Die Wahl liegt bei mir.